michael; 56; kreuzberg; berlin, 2026

berlin – der michael

pieces of berlin

michael; 56; 3.8.2026; nostitzstraße;
“mein kollege hier will grad nichts erzählen, dann sag ich mal was. ich bin gebürtiger friedrichshainer. berlin ist meine heimat, mein zuhause. ich war auch eine zeit lang in münchen und stuttgart auf montage, aber das war nie so richtig meins. berlin ist mein ding.

vor der wende war ich bei der armee. ich habe meinen grundwehrdienst gemacht, weil ich nicht in den knast wollte. kurz nachdem ich nach hause kam, war die mauer auf. ich habe meine tasche gepackt und bin rüber in den westen. plötzlich stand ich bei meinem onkel in charlottenburg vor der tür, der noch gar nicht wusste, dass die mauer offen war. verrückt war das!

die zeit bei der armee beschäftigt mich bis heute. ich war zwar nicht an der grenze, aber ich wusste, dass dort scharf geschossen wurde. wenn ich heute sehe, was in der welt passiert, denke ich wieder daran. ich habe keinen bock auf krieg. was hätte ich gemacht, wenn ich wirklich hätte schießen müssen? ich bin kein killer, aber ich will mich natürlich auch nicht einfach abknallen lassen. ich hoffe, dass ich niemals in so eine situation komme.

ich war drei jahre obdachlos. angefangen hatte alles nach einer schwierigen beziehung, dann war ich komplett weg und irgendwann bin ich auf der straße gelandet. eine zeit lang war ich bei meinem bruder, aber das ging auch nicht auf dauer. über helfer bin ich schließlich in ein wohnheim in kreuzberg gekommen. dort habe ich jetzt mein eigenes zimmerchen, einen fernseher, bekomme essen und bin erstmal zufrieden. eine eigene wohnung wäre schön, aber ich weiß auch, wie schnell man wieder in ein loch fallen kann.

für berlin wünsche ich mir, dass die menschen wieder ein bisschen offener werden und einander mehr zuhören. nicht immer weggehen oder sich umdrehen, sondern wieder ein bisschen näher zusammenkommen. manchmal gehe ich auch in eine kirche hier in der nähe. ich bin nicht wirklich gläubig, aber ich setze mich einfach hin und höre zu. das gibt mir ein bisschen ruhe.”