dagmar; 75; rentnerIn; treptow, berlin, 2025

berlin – die dagmar

pieces of berlin

dagmar; 75; rentnerin; treptower park; 19.2.2025;
“ich lebe seit 1969 in berlin. eigentlich komme ich aus dem erzgebirge, aus scharfenstein, aus einem ort, der einmal für arbeit stand, für industrie, heute ist dort nichts mehr. nach berlin bin ich zum studieren gekommen. gelernte schneiderin, später bekleidungstechnologin, diplom. und geblieben bin ich, weil das leben hier halt so ist: einmal angekommen, gehst du nicht mehr zurück.

anfangs ist mir berlin schwergefallen. fünf jahre hat es gedauert, bis ich innerlich hier war. damals war familie noch etwas anderes. man ist nicht einfach weggegangen, ohne dass es wehgetan hat. heute gibt es dort unten keine familie mehr. mein leben spielt hier.

ich wohne im plänterwald, laufe fast täglich durch den park bis zum hafen. laufen hält mich in bewegung. letztes jahr waren es 800 kilometer. berlin ist für mich strecke, wege, buslinien, der 200er zum alex, das humboldt forum. die dachterrasse dort kenne ich gut. ich darf mit meinem wohngeldschein gratis hoch. ich fotografiere von oben, spreche leute an, erkläre ihnen die stadt, wenn ich keine depri-phase hab, sondern eine manische. eigentlich wäre stadtführerin etwas für mich gewesen.

nach der wende ist mein leben wie bei vielen anderen auseinandergebrochen und neu zusammengesetzt worden. ich habe entschieden, nur noch das zu tun, was ich wirklich will. kreativ war ich immer: häkeln, malen, reparieren, knüpfen. 2012 habe ich zufällig für die requis ite in babelsberg gearbeitet, für den film cloud atlas. acht komma sechs kilometer garn, 38.000 knoten. ordnung, präzision, geduld – das habe ich aus meinem alten leben mitgenommen.

politisch bin ich wach, aber nicht naiv. ich schreibe mir zahlen auf, sammle daten, weil das sonst verschwindet. für meinen enkel, für später. ich glaube nicht mehr daran, dass diese welt meine ist, aber ich lebe noch in ihr – aufmerksam.

ich lebe mein leben hier, in meinem tempo. ich laufe, solange es geht. berlin ist mein alltag geworden. kein ziel, sondern ein weg.”