scharein; 73; maler; park am gleisdreieck;
“ich bin 1972 nach berlin gekommen, zum studieren. in hamburg hatte ich angefangen, aber die waren mir zu arrogant – da musstest du erst zwanzig semester durchhalten, bis dich jemand mal zu einer feier eingeladen hat. in berlin war das anders: keine sperrstunde, keine etikette, jeder dutzte jeden, und du konntest einfach du selbst sein. das hat mir gefallen.
seitdem lebe und arbeite ich hier, male jeden tag. rente wird’s mal keine geben. ich bin immer noch im atelier, solange ich einen stift halten kann. berlin ist eine stadt, in der man arbeiten kann, frei sein kann, in der man nicht gefragt wird, woher man kommt, sondern ob man interessant ist. das war schon damals so.
heute ist das mit der freiheit schwieriger. meine wohnung gehört berggrün, der besitzt hier halbe straßenzüge. alle drei jahre kommt die mieterhöhung, pünktlich bis hinterm komma. ich rechne mir aus, wie lange ich mir das noch leisten kann. das ist berlin jetzt: kultur und druck. der kiez um die hornstraße war mal wild, jetzt ist er teuer.
der verkehr ist auch so ein thema – alle fahren sich gegenseitig über den haufen. autos, fahrräder, fußgänger, keiner achtet mehr auf den anderen. trotzdem: berlin bleibt die stadt der kultur. du hast die kleinen theater, kabaretts, die philarmonie, drei opern – das gibt’s sonst nirgends. wenn ich schon all den großstadtstress ertragen muss, dann wenigstens mit kultur als entschädigung.
berlin hat sich verändert, ja. aber es ist immer noch die stadt, in der man sich frei bewegen kann, wenn man interessant genug ist. und solange ich malen kann, bleibe ich.”




