andreas; 56; kaufmännischer angestellter; schöneberg, berlin, 2026

berlin – der andreas

pieces of berlin

andreas; 56; kaufmännischer angestellter; eisenacher straße; 10.1.2026;
“ich bin gebürtiger westfale, fühle mich inzwischen aber als berliner. damals fand ich die stadt erst dreckig, laut und unattraktiv. doch nach der wiedervereinigung wurde berlin immer interessanter. eigentlich wollte ich nur zwei, drei jahre bleiben. daraus sind jetzt über dreißig geworden.

was berlin für mich lebenswert macht, sind die menschen. viele sagen etwas anderes, aber ich erlebe die leute hier als offen, hilfsbereit und ansprechbar. man hilft sich, kommt ins gespräch. ich wohne seit 2001 im selben kiez, und genau dieses miteinander habe ich immer geschätzt.

gerade merke ich aber einen wechsel. viele alte gehen weg, weil es zu teuer wird oder sie ins umland ziehen. neue kommen, oft junge aus westdeutschland. da weiß man manchmal nicht, ob sie wirklich hier sein wollen oder nur wohnen. dieses sich kennen, grüßen und der zusammenhalt wird weniger.

was mich außerdem nervt, ist die erodierende infrastruktur. straßen sind kaputt, sperrungen überall, mit dem fahrrad muss man weite umwege fahren. vieles wird schön gemacht, aber erst muss man durchs tal der tränen. dazu kommt das politische hickhack. zuständigkeiten sind oft unklar, jeder schiebt dinge weiter. ich wünsche mir mehr geschlossenheit, klare strukturen und klare verantwortung.

wenn ich in die zukunft schaue, ist da so ein diffuses gefühl. viel brodelt, viel verändert sich. wo führt das hin. ich war grad in norwegen, man fragt sich, ob man in fünf jahren da noch so frei hinreisen kann wie heute? vielleicht hat es irgednein idiot annektiert und lässt dich nicht mehr rein. natürlich beschäftigt mich auch das leid der menschen dort, wo es gerade kocht. ganz ausblenden kann man das nicht.”