ulrike; 60; selbstständig; gerd; 76; rentner; möckernstrasse; berlin; kreuzberg

berlin – die ulrike und der gerd

pieces of berlin

ulrike; 60; selbstständig; gerd; 76; rentner; möckernstraße; 25.5.2024;
“ich bin ulrike, 60, selbstständig. gerd ist 76. wir sind nicht in berlin geboren, aber schon ewig hier. ich bin fürs studium hergekommen, ’88, kurz vor’m mauerfall. gerd war schon mal in den 70ern hier, ist dann 2000 zurückgekommen. geblieben sind wir wegen liebe, beruf, berliner freiheit.
berlin vor der wende – das war ein eldorado. fördertöpfe, kultur, offene türen. und nach der wende: ostberlin, das war unsere partyzeit. wild, roh, lebendig. das vermisse ich. heute ist berlin anstrengender geworden. partymüde bin ich, aber trotzdem traurig, wenn ich sehe, was aus den kiezen wird.
wir wohnen beide in kreuzberg. altbau, alte mietverträge – glück gehabt. aber die häuser sind runtergerockt, die hausverwaltungen reagieren nicht, und die ratten teilen sich den hof mit sushi und streetfood. wenn man ehrlich ist: berlin verwahrlost. drei bis fünf ratten pro mensch, sagt man.
wir lieben das multikulti, deshalb sind wir hier. aber die stimmung ist rauer geworden. die leute sind überfordert, abgekapselt. früher hat man sich zugenickt auf der straße. heute rempelt man sich an. man ist neu sensibilisiert. ich gehe nachts nicht mehr alleine durch den görli. seit dieser vergewaltigung… na ja, das ist so eine Sache. das ist natürlich ein aufhänger. und es ist immer noch nicht klar, ob das so gelaufen ist. wir sind nicht ängstlich – aber wir sind wachsam. berlin ist nicht mehr lässig und auch nicht mehr so dieses arm aber sexy. berlin ist nur noch arm. und die soziale Schere, die wird halt immer größer.
die mieten? irre. künstlerateliers, trödelläden – alles weg. statt jazzkneipen und werkstätten jetzt leerstand oder luxusumbau. die stadt, die wir mal kannten, verschwindet.
und trotzdem: berlin bleibt spannend. wir diskutieren, wir erinnern uns, wir machen weiter. vielleicht langsamer, vielleicht kritischer. aber wir sind noch da.”